Design und Demokratie

Zum Kolloquium am 25./26. November 2004 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich


Demokratie hat kein Design, ausser der permanenten Vervielfältigung ihrer Mannigfaltigkeit. Design ist nicht demokratisch, ausser der permanenten Vervielfältigung seiner Mannigfaltigkeit.

Mit der Demokratie ist das ja so eine Sache. Die Idee, man weiss es, geht zurück auf die Griechen. Wenn ich mich recht erinnere, war es der Vorsokratiker Kleisthenes, der erstmals von der Herrschaft des Volkes und nicht etwa der Aristokraten, der durch Geburt - oder Betrug - vermeintlich besten.

Überspringen wir hier ein paar Jahrhunderte und verzichten wir auf Reminiszenzen an zum Beispiel Aristoteles, der möglicherweise erstmals in der abendländischen Kulturgeschichte von so etwas wie Entartung sprach im Bezug auf die bäuerliche Demokratie, d.h. die reine Demokratie, die Demokratie wirklich aller, auch der Analphabeten, Bettler und Bauern. Wohl hatte er irgendwie Recht: zu viele Köche verderben den Brei. Darum ist es vielleicht auch gar nicht so schlecht, wenn in unserer alpinen Plebiszitärdemokratur selten mehr als 1/3 aller vermeintlich mündigen Bürger zur Urne gehen. Die Frage ist hier mehr, ob es wirklich das uns allen zum besten gereichende Drittel ist. Aber das ist ein anderes Problem.

So richtig spannend wird die Entwicklung der Beziehung von Demokratie und Design ja dann Ende des 18. Jahrhunderts, als allen voran das sich zur Mündigkeit durchgehungerte Franzosenvolk unter dem Slogan „Liberté, Fraternité, Egalité“ dem ersten durch die Basis erschaffenen Corporate Design - der Trikolore - unterwarf, die Bastille stürmte, um sich kurz darauf dann doch wieder klaren Verhältnissen zu unterwerfen. Seither werden, besonders in Frankreich, die Republiken chronologisch nummeriert.

Aber damit fing das Problem ja auch erst wirklich an. Denn gerade im Zuge der Rerevolutionierung der Gesellschaftsordnung in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Liberté von jenen drei demokratischen Grundwerten am meisten strapaziert: Freie Fahrt den Dampfmaschinen! Innovation schien Fortschritt gleich gesetzt, Freiheit wurde missverstanden als Liberalismus und führte über zur Unterdrückung der sozial benachteiligten Bevölkerung, also der Mehrheit. Und während die europäischen Siedler in der neuen Welt ihre Freiheit des pursuit of happiness zum Genozid ihrer indigenen Mitmenschen nutzten, wussten sie noch nicht, dass sich ihre Nachfahren keine drei Generationen später massenhaft dem Diktat der happiness of pursuit unterwerfen würden.

Einige aber blieben wach. Zum Beispiel Karl Marx. Auch wenn das Aufbegehren des Proletariats gegen die libertäre Fehlverteilung des Volksvermögens immer wieder unter dem Dampfhämmern des aufschiessenden Kapitalismus zerquetscht und in den Hütten der freien Marktwirtschaft erstickt wurde, kam es schliesslich doch noch - und sehr viel Blut musste fliessen bis dahin - zur finalen Revolution. Nun endlich regierte in gewissen Regionen der Welt das Volk. Die liberale Demokratie wurde in sozialistische Rätedemokratien und Volksrepubliken überführt. In den Strassen und auf den Plätzen herrschte Ruhe und Ordnung: die Polizei.

Natürlich war dies nicht in Ordnung, auch wenn man dies später durch massenmediengerecht inszenierte Raumfahrten hüben wie drüben zu kaschieren versuchte. Und bezeichnenderweise war es zu guter letzt auch wieder das Volk, das autopoietisch organisiert dann knapp vor Ende des zweiten Jahrtausends eine der letzten Bastionen der sozialen Demokratie schleifte und deren von Westen her bunt bemalten Mauertrümmer auf den freien Märkten verschacherte.

Überhaupt war der Siegeszug der liberalen Demokratie gekennzeichnet von einer überaus frischen, bunten Warenwelt. „Wie hell hier die Nacht ist!“, riefen z.B. die Ostberliner Nachbarn aus, „Und die vielen Farben!“, als sie, ihr Begrüssungsgeld verprostend, erstmals auf dem Kudamm standen. Alles schien für alle zu haben, der freie Zugang zu jedem denkbaren Objekt der Begierde allen gewährt. Konsum schien nicht mehr elitär, sondern demokratisch.

Die Ernüchterung trat ein in den Warteschlangen vor den Arbeitsämtern. Was anderen schon länger dämmerte, wurde nun auch den letzen klar: ohne Fleiss kein Preis. Und auf den Preis kommt es heute noch an, wo „Geiz geil“ und der Schnäppchenjäger „doch nicht blöd“ ist. Denn bereits nachdem sich die liberale vereint mit der sozialen Demokratie gegen ihre gemeinsame Antipode, die nationalsozialistische Diktatur, mit Ach und Krach durchgesetzt hatten, war klar, wer jetzt regieren würde: das Geld.

Die Methode der gewaltsamen Demokratisierung nach dem zweiten Weltkrieg war so durchschlagend, dass sie seither in verschiedenen Regionen des Planeten immer wieder angewandt wird. Zur Legitimation bewaffneter Interventionen dient mehr denn je das beflissene Vertauschen von Ökonomie und Demokratie. So werden geopolitische Herrschaftsansprüche und hegemoniale Interessen westlicher Militärdemokratien seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder durch das Vorschieben demokratischer Absichten verdeckt. Dass dieser Tausch des Signifikats auch Verschiebungen in der Ikonografie der Demokratie mit sich bringt, liegt auf der Hand. Was für die einen regenbogenfarbige Friedensfahnen, sind für die andern Panzer und Raketen.

Kein Wunder! Bei all dem Elend nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Zustimmung zur Demokratie nach 1945 verwechselt mit der Zustimmung zum ökonomischen Aufbau. Die Hoffnung auf eine blühende Marktwirtschaft in den Händen von einigen happy few ersetzte die Angst vor dem politischen Diskurs aller. Während einst die tragenden Symbole der französischen Revolution zum Design der libertären Demokratie wurden, die rotschwarzen Signale der kommunistischen Revolution die Freiheit des Volkes herauf beschwörten, stehen seit Beginn der Wirtschaftswunderzeit Modedesign, Produktdesign, Industriedesign, Architekturdesign, Mobile Application Design, Kommunikationsdesign, Landschaftsdesign, Shoppingdesign, Screendesign, Body Design, Nail Design, Hair Design, Scenographic Design und so weiter und so fort für den Sieg des Konsums über die Politik, für den Triumph des Jobholders über den mündigen Bürger.

Längst sind die revolutionären Errungenschaften des Designs resorbiert vom Konsumgegenstand im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Funktion folgt Form. Verführung ersetzt Schönheit. Das Primat der Ökonomie vertauscht Fantasie durch Determination, open mindedness durch single mindedness. Die Demokratie des Konsums verkommt zur Diktatur des Shareholder Value. Das „Denken ohne Geländer“ wird abgelöst durch die Ideologie der Übersättigung. Die Mannigfaltigkeit erliegt der Eintönigkeit, die Pluralität der Vereinzelung, und die Erzählung beugt sich Slogans und Kampagnen.

Was fehlt, ist der Mut zum Unvorhersehbaren, das nicht herbeigeredet, sondern erzeugt werden muss. Was fehlt, ist der Mut zum Eigensinn, der nicht proklamiert, sondern gelebt werden muss. Was fehlt, ist der Mut zur Individualität, die nicht vereinzeln, sondern unterscheiden muss. Was fehlt, ist die Emanzipation des Designs von seiner industriellen Vervielfältigung: Design, das nicht nur Gewinn, sondern auch Sinn erzeugt. Was fehlt, ist die Emanzipation der Demokratie von ihrem nationalstaatlichen Korsett: Demokratie, die weniger die stumme Abgabe, sondern viel mehr das unmissverständliche Erheben der Stimmen garantiert.


261104

Martin Fritsche am Kolloquium
"Design und Demokratie"
an der Hochschule für Gestaltung
und Kunst Zürich, 26. November 2004




Design Action Day 2004
Designer aus aller Welt reagieren auf die Folterungen in Abu Ghraib.

Design Action Day 04: Der Demokratie unwürdig by Martin Fritsche

Beitrag Martin Fritsche, Design Action Day '04, "Der Demokratie unwürdig"


Download Selection "Der Demokratie unwürdig"

Design Culture

Ein Plädoyer zum Open Space des Nachdiplomstudiengangs Design Culture der HGKZ am 11. Februar 2004


In der Summe aller Projekte im Studiengang „Design Culture“ offenbart sich der Begriff Design zunächst als sich schrankenlos öffnender Raum, als Open Space. Design ist Werkzeug, Experiment, Gebrauchsmedium, Erkenntnismedium, Kommunikationsmedium, Provokation und Affirmation zugleich. Allerdings erweist sich Design in der Dialektik von Inhalt und Form, Idee und Umsetzung, Anspruch und Wirklichkeit als an sich sinnlos, d.h. richtungs- und inhaltslos zugleich, als Schein.

Doch dieser Schein ist Reflexion und Projektion zugleich. Die Sinnfrage wird zu einem Konglomerat von Erwartungshaltungen, Ansprüchen, Hoffnungen, Einsichten und Visionen. Der Open Space droht im Pluralismus der Beliebigkeit von Inhalten und Richtungen zu implodieren. Gleichzeitig wird klar, dass gerade richtungslos eigensinnige Kreativität jene Entropie erzeugt, die Grenzen sprengt und neue Räume eröffnet. In diesem Chaos soll der runde Tisch Ordnung schaffen. Nur: die gleich berechtigten Voten drehen sich im Kreis. Alles ist möglich, so dass gar nichts mehr möglich scheint. Sowohl die Öffnung für alles als auch die Konzentration auf die Idee scheinen den Open Space zu sprengen. Sein Potenzial erscheint in seiner Geschlossenheit.

Also formiert sich die Pluralität zur Community. Die Frage ihrer Einzelteile gilt der Organisation aller. Prozesse der Selbstregulierung werden eingeleitet, die Diskussion eröffnet und kanalisiert. Regeln werden bestimmt, Rollen verteilt. Der Open Space muss eine Ordnung finden, ohne die ordnungslosen Bedingungen seiner Existenz zu zerstören.

Zum obersten Ordnungsprinzip wird die gemeinsame Artikulation, die Verdichtung zum Manifest. Das Design des Open Space könnte „unter Umständen“ in einem gedruckten Buch seinen Ausdruck finden. Fragen nach der Message werden laut, Fragen nach dem Leser, nach der Öffentlichkeit. Damit wird Designkultur zum Interface zwischen endogener Community und exogener Society, zum dynamischen Übergang zwischen „ici“ und „ailleur“.

„DesignCulture“ ist ein Studiengang, dessen Fortgang sich per Definitionem nur im Vollzug seiner selbst definieren kann. „DesignCulture“ wird zum Laboratorium einer sich permanent neu definierenden Prozessgestaltung von Schnittstellen einer offen zu haltenden Gesellschaft.

Link Institut Design2context der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich